Gerade in Zeiten wachsender technologischer Abhängigkeiten und rasanter Entwicklungen im Bereich Cloud und Künstliche Intelligenz wird diese Diskrepanz zunehmend zum Risiko. Das zeigt der Branchenschwerpunktbericht zum „Index Digitale Souveränität“, den adesso gemeinsam mit dem Handelsblatt Research Institute veröffentlicht hat.
Unternehmen überschätzen ihren eigenen Souveränitätsgrad
Digitale Souveränität gilt branchenübergreifend als wichtig. Nahezu alle Unternehmen (95 bis 100 Prozent) messen ihr eine hohe Bedeutung bei. Dennoch klafft eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Realität. Die Selbsteinschätzung der Unternehmen weicht in allen betrachteten Branchen spürbar vom tatsächlich errechneten Souveränitätsgrad ab. Viele Organisationen sehen sich besser aufgestellt, im Schnitt liegen sie damit aber mehrere Prozentpunkte über dem gemessenen Wert.
Am ehesten schätzen Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche und dem Bau ihren Reifegrad noch realistisch ein. Doch auch hier bleibt sowohl die Eigen- als auch die Fremdbewertung noch klar hinter dem angestrebten Zielniveau zurück. In den anderen untersuchten Branchen fällt die Diskrepanz sogar noch größer aus.
Die Folge ist eine fehlende Transparenz über tatsächliche Abhängigkeiten – und damit ein erhöhtes Risiko für strategische Fehlentscheidungen.
Falsche Prioritäten und fehlende strategische Steuerung
Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Wahl der Maßnahmen. Unternehmen setzen häufig die falschen Schwerpunkte. Im Fokus stehen vor allem Datenschutz und Cybersicherheit. Das sind wichtige Themen, die jedoch nur Teilaspekte eines umfassenden Souveränitätsverständnisses abdecken.
Dass Digitale Souveränität trotz ihrer Bedeutung häufig nicht priorisiert wird, zeigt sich auch in der strategischen Agenda: Nur rund 28 Prozent der Unternehmen zählen sie zu ihren wichtigsten Digitalthemen.
Entscheidende Hebel, um Abhängigkeiten zu reduzieren, bleiben dagegen oft ungenutzt. Dazu zählen beispielsweise der Einsatz europäischer oder deutscher Rechenzentren, Multi-Vendor-Strategien oder die verstärkte Nutzung von Open-Source-Technologien. Vielerorts fehlt ein klares Zielbild oder das Wissen darüber, wie sich Digitale Souveränität konkret umsetzen lässt.
Hinzu kommt, dass Digitale Souveränität häufig weiterhin als reines IT-Thema gilt. In vielen Branchen liegt die Verantwortung primär bei den entsprechenden Abteilungen – in der Produktion beispielsweise bei mehr als der Hälfte der Unternehmen. Eine strategische Verankerung auf Vorstandsebene erfolgt selten. Dadurch bleibt das Thema operativ, statt zur Leitlinie für zentrale Technologie- und Investitionsentscheidungen zu werden.
Abhängigkeiten bei Cloud und KI nehmen weiter zu
Die Lage ist besonders kritisch bei Schlüsseltechnologien wie Cloud und Künstlicher Intelligenz. Mit Ausnahme der Finanzdienstleister spielt Digitale Souveränität bei diesen Zukunftstechnologien in vielen Branchen bislang eine untergeordnete Rolle. Nur rund zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) berücksichtigen entsprechende Aspekte bei KI. Das stellt den niedrigsten Wert unter allen betrachteten Technologiebereichen dar.
Gleichzeitig sind die Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern in diesem Bereich besonders hoch. Mit zunehmender Nutzung wachsen somit auch die strukturellen Risiken, etwa durch langfristige Bindungen an proprietäre Plattformen und Ökosysteme.