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adesso-Studie: Selbstbild und Realität bei Digitaler Souveränität klaffen in deutschen Branchen auseinander

Deutsche Unternehmen halten sich oft für digital souverän, sind es aber meist nicht. Insbesondere auf Unternehmen aus den Bereichen Produktion und unternehmensnahen Dienstleistungen trifft dies zu. Die Bereitschaft, mehr in die eigene Unabhängigkeit zu investieren, ist aber durchaus vorhanden. Sie fällt aber je nach Branche sehr unterschiedlich aus. Während Bauunternehmen im Schnitt einen Aufpreis von bis zu 26 Prozent für entsprechende Lösungen akzeptieren würden, sind es bei Finanzdienstleistern nur acht Prozent. Die Branchen mit erhöhtem Nachholbedarf bewegen sich hier dagegen nur im Mittelfeld.

Gerade in Zeiten wachsender technologischer Abhängigkeiten und rasanter Entwicklungen im Bereich Cloud und Künstliche Intelligenz wird diese Diskrepanz zunehmend zum Risiko. Das zeigt der Branchenschwerpunktbericht zum „Index Digitale Souveränität“, den adesso gemeinsam mit dem Handelsblatt Research Institute veröffentlicht hat.


Unternehmen überschätzen ihren eigenen Souveränitätsgrad

Digitale Souveränität gilt branchenübergreifend als wichtig. Nahezu alle Unternehmen (95 bis 100 Prozent) messen ihr eine hohe Bedeutung bei. Dennoch klafft eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Realität. Die Selbsteinschätzung der Unternehmen weicht in allen betrachteten Branchen spürbar vom tatsächlich errechneten Souveränitätsgrad ab. Viele Organisationen sehen sich besser aufgestellt, im Schnitt liegen sie damit aber mehrere Prozentpunkte über dem gemessenen Wert.

Am ehesten schätzen Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche und dem Bau ihren Reifegrad noch realistisch ein. Doch auch hier bleibt sowohl die Eigen- als auch die Fremdbewertung noch klar hinter dem angestrebten Zielniveau zurück. In den anderen untersuchten Branchen fällt die Diskrepanz sogar noch größer aus.

Die Folge ist eine fehlende Transparenz über tatsächliche Abhängigkeiten – und damit ein erhöhtes Risiko für strategische Fehlentscheidungen.


Falsche Prioritäten und fehlende strategische Steuerung

Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Wahl der Maßnahmen. Unternehmen setzen häufig die falschen Schwerpunkte. Im Fokus stehen vor allem Datenschutz und Cybersicherheit. Das sind wichtige Themen, die jedoch nur Teilaspekte eines umfassenden Souveränitätsverständnisses abdecken.

Dass Digitale Souveränität trotz ihrer Bedeutung häufig nicht priorisiert wird, zeigt sich auch in der strategischen Agenda: Nur rund 28 Prozent der Unternehmen zählen sie zu ihren wichtigsten Digitalthemen.

Entscheidende Hebel, um Abhängigkeiten zu reduzieren, bleiben dagegen oft ungenutzt. Dazu zählen beispielsweise der Einsatz europäischer oder deutscher Rechenzentren, Multi-Vendor-Strategien oder die verstärkte Nutzung von Open-Source-Technologien. Vielerorts fehlt ein klares Zielbild oder das Wissen darüber, wie sich Digitale Souveränität konkret umsetzen lässt.

Hinzu kommt, dass Digitale Souveränität häufig weiterhin als reines IT-Thema gilt. In vielen Branchen liegt die Verantwortung primär bei den entsprechenden Abteilungen – in der Produktion beispielsweise bei mehr als der Hälfte der Unternehmen. Eine strategische Verankerung auf Vorstandsebene erfolgt selten. Dadurch bleibt das Thema operativ, statt zur Leitlinie für zentrale Technologie- und Investitionsentscheidungen zu werden.


Abhängigkeiten bei Cloud und KI nehmen weiter zu

Die Lage ist besonders kritisch bei Schlüsseltechnologien wie Cloud und Künstlicher Intelligenz. Mit Ausnahme der Finanzdienstleister spielt Digitale Souveränität bei diesen Zukunftstechnologien in vielen Branchen bislang eine untergeordnete Rolle. Nur rund zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) berücksichtigen entsprechende Aspekte bei KI. Das stellt den niedrigsten Wert unter allen betrachteten Technologiebereichen dar.

Gleichzeitig sind die Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern in diesem Bereich besonders hoch. Mit zunehmender Nutzung wachsen somit auch die strukturellen Risiken, etwa durch langfristige Bindungen an proprietäre Plattformen und Ökosysteme.

Peter de Lorenzi, Executive Director Horizontals, Platforms & Services der adesso SE, sagt: „Digitale Souveränität entscheidet künftig darüber, wie unabhängig und innovationsfähig Unternehmen agieren können. Dafür reicht es nicht, einzelne Maßnahmen umzusetzen. Sie muss strategisch gedacht und konsequent in Technologien, Partnerstrukturen und Kompetenzen verankert werden. Gerade bei Schlüsseltechnologien wie Cloud und KI müssen Unternehmen heute die richtigen Weichen stellen, um langfristig handlungsfähig zu bleiben.“


Peter de Lorenzi ist Executive Director Horizontals, Platforms & Services bei der adesso SE. (Quelle: adesso SE) 

Vom Schlagwort zur Managementaufgabe

Der Handlungsdruck ist erkannt, doch die Umsetzung bleibt oft unklar. Nun ist es entscheidend, die richtigen Hebel zu identifizieren und Abhängigkeiten gezielt zu reduzieren – etwa durch eine diversifizierte Anbieterstrategie, den Einsatz alternativer Technologien und den bewussten Aufbau eigener Kompetenzen.

Die Ergebnisse zeigen zugleich: Viele Unternehmen würden gezielt in mehr Digitale Souveränität investieren und dafür einen spürbaren Aufpreis akzeptieren. Nur wenn diese Investitionsbereitschaft jedoch konsequent in die richtigen Maßnahmen übersetzt wird, lässt sich digitale Souveränität vom Anspruch zur gelebten Praxis entwickeln.


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