28. Oktober 2026 von Alexej Schwed
Zahlungsverkehr ist Souveränität: Warum 2026 über die nächste Dekade entscheidet | Teil 1
Am 31. März 2026 hat das Eurosystem seine erste gebündelte Zahlungsverkehrsstrategie vorgelegt: die erste, die Massen-, Großbetrags-, B2B- und grenzüberschreitende Zahlungen unter einem gemeinsamen Dach zusammenführt. Sie wird unterschätzt. Was hier entsteht, ist für den europäischen Zahlungsverkehr, was die SEPA-Einführung für den bargeldlosen Zahlungsraum war: ein Strukturbruch mit Langzeitwirkung.
Die Zahlen hinter dem Handlungsdruck
Rund 60 Prozent aller Kartenzahlungen im Euroraum laufen über außereuropäische Netzwerke wie Visa und Mastercard. In 13 der 20 Euro-Länder fehlt ein nationales Kartenschema mit vollständiger POS-Abdeckung. Im E-Commerce kontrollieren PayPal, Apple Pay, Google Pay und internationale Kartennetzwerke über 70 Prozent der Transaktionen. Und der Bargeldanteil, das einzige öffentliche, als direkte Zentralbankverbindlichkeit ausgegebene Zahlungsmittel, ist bis 2025 auf unter 40 Prozent gefallen.
Warum das ein Souveränitätsproblem ist
Diese Konstellation macht Zahlungsinfrastruktur zur kritischen Infrastruktur. Sie unterliegt fremder Rechtsordnung, entzieht sich demokratischer Kontrolle und lässt sich geopolitisch instrumentalisieren. Der Ausschluss russischer Banken aus SWIFT nach dem Angriff auf die Ukraine hat gezeigt, wie schnell aus technischer Abhängigkeit ein machtpolitischer Hebel wird. Auch das Beispiel Iran ist einschlägig: weitgehend vom dollarbasierten System abgeschnitten, hat das Land, mit begrenztem Erfolg, Krypto-Währungen zur Sanktionsumgehung genutzt. Beide Fälle illustrieren dieselben Triebkräfte, die hinter der EZB-Strategie stehen.
Die Fragmentierung des Binnenmarkts
Hinzu kommt ein hausgemachtes Problem. Nationale Systeme wie Girocard, Bancontact oder Dankort dominieren ihre Heimatmärkte, sind grenzüberschreitend aber nicht einsetzbar. An jeder nationalen Grenze weichen Verbraucher und Händler auf Visa oder Mastercard aus. Das Resultat ist ein Vakuum, das internationale Anbieter mit fertiger paneuropäischer Akzeptanz gefüllt haben. Für den Handel bedeutet das dauerhaft abfließende Wertschöpfung über Interchange-, Scheme- und Acquirer-Gebühren sowie eine strategische Verwundbarkeit gegenüber Anbietern, deren Akzeptanz faktisch alternativlos ist.
Die Antwort des Eurosystems
Die Strategie setzt dem ein kohärentes Rahmenwerk entgegen: den digitalen Euro als öffentliches Zentralbankgeld, die verpflichtende SEPA-Instant-Ausweitung als operatives Fundament, MiCA und DORA als Rahmen und eine Tokenisierungs-Roadmap für den Großzahlungsverkehr. Entscheidend ist das Zusammenspiel, nicht der digitale Euro allein. Wie dieses Zusammenspiel technisch funktioniert und warum der digitale Euro dabei eine Rolle spielt, die kein privates System übernehmen kann, zeigt Teil 2.