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Hand aufs Herz: Wann habt ihr das letzte Mal eine Webseite wirklich „besucht“, um sich mühsam durch Menüs zu klicken, anstatt einfach eure KI-App nach der Lösung zu fragen? Wir beobachten derzeit eine fundamentale Verschiebung: Während viele Unternehmen noch damit beschäftigt sind, die rechtlichen Anforderungen des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) operativ umzusetzen, wandelt sich das Userverhalten.

Das bedeutet keineswegs, dass die klassische Webpräsenz an Bedeutung verliert oder wir uns weniger um ihre Zugänglichkeit bemühen müssten, weil „ohnehin keiner mehr klickt“. Im Gegenteil: Die Webseite wird zum zentralen Ankerpunkt der Daten. In diesem neuen Ökosystem zeigt sich eine faszinierende Konvergenz: Die Strukturen, die wir für die digitale Teilhabe von Menschen schaffen, sind exakt die Brücken, über die Künstliche Intelligenz unsere Inhalte heute überhaupt noch erreicht.

WCAG trifft auf LLM: Die Logik der Struktur

Der Kern der Barrierefreiheit, wie er in der EN 301 549 und den zugrunde liegenden WCAG-Prinzipien definiert ist, basiert auf der Bereitstellung strukturierter, maschinenlesbarer Informationen. Was bisher primär menschlichen User mit Screenreadern zugutekam, ist heute das Fundament für Large Language Models (LLMs), KI-Crawler und autonome Agenten.

  • Semantik als Brücke: KI-Agenten navigieren nicht visuell, sie interpretieren den DOM-Tree (die hierarchische Struktur des Quellcodes). Während rein visuell orientierte Webseiten die KI zu fehleranfälligen Heuristiken zwingen, liefern semantisch korrekte Strukturen (<nav>, <main>, <article>) die nötige Eindeutigkeit. Die KI kann Informationen präzise extrahieren, statt sie mühsam „erraten“ zu müssen.
  • Alt-Texte als Datenquelle: Ohne Alt-Attribute bleiben Bilder für KIs oft „Black Boxes“. Barrierefreie Bildbeschreibungen füttern die KI mit dem Kontext, der für eine korrekte Einordnung in multimodalen Suchanfragen notwendig ist.

Der strategische Shift: Von der Webseite zum „Knowledge Hub“

Bisher war das Ziel: „User sollen auf meine Seite kommen und dort verweilen.“ Mit der Etablierung von KI-Assistenten und Search Generative Experiences (SGE) verschiebt sich dieser Fokus: „Ich möchte, dass die KI meine Inhalte als vertrauenswürdige Quelle nutzt, um die Frage des Nutzers zu beantworten.“ Die Webseite transformiert zum Knowledge Hub.

KI-Agenten agieren dabei wie „Super-Screenreader“. Wenn ein Onlineshop gemäß BFSG seine Produkte perfekt beschreibt, kann ein KI-Assistent diese Produkte besser erfassen und empfehlen als jene der Konkurrenz, die nur rein visuell aufbereitet sind. Zukünftige Large Action Models (LAMs) navigieren zudem autonom durch Webseiten, um Käufe zu tätigen. Eine Seite, die nicht per Tastatur (und damit programmatisch) bedienbar ist, bricht den Workflow des KI-Agenten ab. Der Verkauf findet schlicht nicht statt.

Die drei Säulen der „AI-Readiness“

Drei Kernbereiche der gesetzlichen Anforderungen zahlen heute direkt auf die Verarbeitbarkeit durch KI-Systeme ein:

Semantik und Robustheit (Technik)

Die EN 301 549 fordert eine strikte Trennung von Inhalt und Design sowie eine valide Syntax.

Der Effekt: KI-Agenten erfassen die Hierarchie einer Seite (Landmarks wie main, nav, article) sofort. Während eine unklare Struktur die KI zu fehleranfälligen Heuristiken zwingt und das Risiko von „Halluzinationen“ steigert, liefert ein barrierefreies Dokument die nötige Eindeutigkeit für präzise Antworten.

Textalternativen (Wahrnehmbarkeit)

Was für blinde Menschen der Alt-Text ist, dient der KI als primäre Quelle für verifizierte Fakten zu visuellen Inhalten.

Der Effekt: Zwar agieren moderne KIs multimodal, doch erst Textalternativen liefern die notwendige semantische Sicherheit. Während die Bilderkennung nur ein „rotes Auto“ identifiziert, liefert der Alt-Text die harten Fakten (Modell, Ausstattung, Verfügbarkeit). In einer Welt, in der KI-Agenten Produkte vergleichen, wird nur das empfohlen, was programmatisch eindeutig beschrieben ist.

Programmatische Bedienbarkeit (Interaktion)

Das BFSG legt großen Wert auf die Bedienbarkeit ohne Maus (Tastaturbedienbarkeit). KI-Agenten und zukünftige Large Action Models (LAMs) navigieren Webseiten über dieselben Schnittstellen wie assistive Technologien.

Der Effekt: Ein Checkout-Prozess, der keine programmatische Erreichbarkeit aufweist (z. B. fehlendes Fokus-Management oder nicht-standardkonforme Buttons), bricht den Workflow eines KI-Agenten ab. Er kann die Aktion nicht ausführen, da das Element für ihn technisch nicht existiert. Wer heute Barrieren für Menschen abbaut, ebnet den Weg für die automatisierten Transaktionen von morgen.

Fazit: Investment statt Kostenstelle

Barrierefreiheit ist das neue SEO. Wer in zugängliche digitale Angebote investiert, optimiert diese automatisch für die wichtigste Zielgruppe der Zukunft: Die Algorithmen, die unsere Kaufentscheidungen vorbereiten.

Die regulatorischen Anforderungen des BFSG und der BITV 2.0 den rechtlichen Rahmen für die digitale Teilhabe setzen, schaffen sie gleichzeitig die technische Infrastruktur für die KI-Ökonomie. Die Umsetzung der Anforderungen an die Barrierefreiheit sollte daher nicht länger nur als rechtliche Bürde verstanden werden. Es ist ein Modernisierungsprogramm für die Datenqualität. Wer Barrieren abbaut, optimiert seine digitalen Angebote für neue Nutzungsgewohnheiten, ebnet den Weg für den Agentic Commerce von morgen und stellt sicher, dass Informationen sowohl für Menschen als auch für die KI-Infrastruktur verwertbar bleiben.


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Autor Anja Harport

Anja Harport ist Business Developerin und leitet das Competence Center Digitale Barrierefreiheit bei adesso. Mit ihrem fundierten Know-how im Change Management setzt sie sich dafür ein, das Bewusstsein für die Bedeutung und die Mehrwerte der digitalen Barrierefreiheit zu schärfen und digitale Produkte für alle zugänglich zu machen. Ihr Engagement gilt der Gestaltung und Entwicklung barrierefreier digitaler Lösungen, um Kundinnen und Kunden im digitalen Wandel optimal zu unterstützen. Anja Harport ist überzeugt: Barrierefreiheit ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Digitalisierung.


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