Interview

Vom KI-Hype zum messbaren Geschäftsnutzen

Ein fachlicher Austausch auf Augenhöhe

von Nehir Safak-Turhan

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist in der Finanzwirtschaft längst gelebte Praxis. Finanzunternehmen integrieren KI zunehmend entlang der gesamten Wertschöpfungskette und treiben damit eine tiefgreifende Transformation voran – von der Automatisierung und Datenanalyse über das Risikomanagement bis hin zu personalisierten Kundenservices. Aktuelle Studien zeigen, dass bis Ende 2025 bereits bis zu 95 Prozent der Banken KI-Lösungen eingeführt hatten oder unmittelbar vor deren Einführung standen.

Die Einführung der Technologie ist dabei weit mehr als ein Innovationsprojekt. Richtig eingesetzt steigert KI die Effizienz, reduziert Risiken, verbessert die Entscheidungsqualität und eröffnet neue Wachstums- und Ertragspotenziale. Gleichzeitig erfordert sie Investitionen, geeignete Daten, qualifizierte Mitarbeitende sowie eine klare strategische Ausrichtung. Der nachhaltige Erfolg von KI bemisst sich daher nicht an der Anzahl implementierter Anwendungen, sondern an ihrem konkreten geschäftlichen Mehrwert.

Im Mittelpunkt stehen heute zunehmend zweckorientierte KI-Anwendungen, die reale Herausforderungen lösen und einen messbaren Nutzen schaffen. In diesem Experteninterview spreche ich mit Carsten Schrader, Chief Information & Technology Officer (CITO) bei der Hamburg Commercial Bank (HCOB) darüber, warum bei der Einführung von KI nicht die Technologie selbst, sondern die zu lösende geschäftliche Herausforderung im Mittelpunkt stehen sollte. Zudem beleuchten wir, wie sich skalierbare KI-Plattformen erfolgreich in Unternehmen etablieren lassen und welchen Beitrag sie zu mehr Effizienz, Produktivität und Wissensmanagement leisten.


Carsten Schrader...

... ist seit 2022 Chief Information & Technology Officer bei der Hamburg Commercial Bank AG (HCOB) und verantwortet dort die Bereiche IT, Operations, Client Onboarding und Procurement & Vendor Management.

Er verfügt über 25 Jahre Erfahrung im Banking und war in dieser Zeit verschiedenen Leitungspositionen bei der HSH Nordbank, der LBBW und der HCOB tätig.

Ein Schwerpunkt seiner beruflichen Karriere war das Management von großen IT-Transformationsprojekten.


Nehir: Herr Schrader, Sie sagten mir einmal: „Wir müssen Lösungen für Probleme suchen und nicht Probleme suchen für technische Lösungen – dies gilt auch für KI“. Diese Aussage verdeutlicht, dass Technologie kein Selbstzweck ist. Warum ist es aus Ihrer Sicht entscheidend, den Fokus bei KI-Initiativen konsequent auf den konkreten geschäftlichen Nutzen zu legen?

Herr Schrader: Wir sind bei Künstlicher Intelligenz meines Erachtens längst über die Phase des initialen Lernens und Ausprobierens hinaus. Dass sich KI betriebswirtschaftlich auszahlt, steht außer Frage. Deshalb richten die erfolgreichsten Unternehmen ihre KI-Initiativen konsequent auf messbaren geschäftlichen Nutzen aus. Idealerweise werden sie daher auch nicht oder zumindest nicht allein von den IT-Abteilungen vorangetrieben, sondern von den Fachbereichen getragen. Das ist für die praktische Nutzung von KI-Lösungen und deren Akzeptanz elementar.

Nehir: Der Mehrwert einer KI-Anwendung lässt sich nicht immer unmittelbar in Kennzahlen ausdrücken. Welche qualitativen und quantitativen Kriterien sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach heranziehen, um den Nutzen einer KI-Investition fundiert zu bewerten und zu priorisieren?

Herr Schrader: Wie bei allen Investitionsentscheidungen sollten auch für KI-Initiativen Kosten und Nutzen umfassend in einem Business Case betrachtet werden. Klassisch gehört dazu aus meiner Sicht eine quantitative Bewertung von beispielsweise Effizienzgewinnen sowie – wichtig – deren tatsächliche Realisierung, aber auch die laufenden Kosten von Lösungen im Betrieb. Ein eher qualitativer Faktor, der in die Bewertung einfließen sollte, ist die Frage der Dauerhaftigkeit. Damit ist gemeint, dass bei der rasanten Entwicklung im Bereich KI zu betrachten ist, ob es sich lohnt, etwas zu entwickeln, was es vielleicht in kurzer Zeit als Standardlösung gibt.

Nehir: Eine erfolgreiche KI-Transformation umfasst weit mehr als die Einführung neuer Technologien. Prozesse, Organisation, Unternehmenskultur und die Akzeptanz der Mitarbeitenden spielen eine ebenso wichtige Rolle. Welche Erfahrungen haben Sie bei der Umsetzung solcher Transformationsprojekte gesammelt und welche Erfolgsfaktoren sind aus Ihrer Sicht besonders entscheidend?

Herr Schrader: Die Einführung neuer Technologien wie KI erfordert ein umfassendes Change Management. Operativ wird solch eine Transformation von Menschen getragen, die ein gutes Verständnis für Technologie haben, sich für die Neuerungen begeistern und diese anwenden. Sie braucht es für den Erfolg. Viele Mitarbeitende kommen allerdings erst im Laufe des Prozesses mit der Technologie in Berührung. Insofern sind frühzeitige Kommunikation, Erklärung und die Möglichkeit, KI selbst auszuprobieren, wichtig. Darüber hinaus braucht es bei neuen Technologien ein gutes Trainingsangebot. Gut bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der praktische Nutzen im Mittelpunkt steht und eine gewisse Individualisierung der Angebote abhängig von Vorkenntnissen Berücksichtigung findet. Und schlussendlich gilt: Ohne entsprechenden „Tone from the Top“ wird eine Transformation kaum erfolgreich sein.

Nehir: Skalierbarkeit, Flexibilität und Wiederverwendbarkeit zählen zu den zentralen Anforderungen moderner KI-Lösungen. Wie können Plattformansätze dazu beitragen, Insellösungen zu vermeiden, Entwicklungskosten zu reduzieren und KI-Anwendungen nachhaltig im Unternehmen zu etablieren?

Herr Schrader: Ich sehe die Vorteile von Plattformlösungen in einer höheren Nutzerfreundlichkeit etwa durch einheitliche User Interfaces. Zudem lassen sich die Entwicklungs- und Betriebskosten meiner Meinung nach besser kontrollieren als bei einer Vielzahl von Insellösungen. Dafür müssen Plattformlösungen allerdings initial gut durchdacht sein, zum Beispiel hinsichtlich laufender Weiterentwicklung, Erweiterbarkeit und Flexibilität. Dies ist mit Blick auf die rasante Fortentwicklung im Bereich KI durchaus herausfordernd. Das gilt aber letztlich genauso für Insellösungen.

Nehir: KI-gestütztes Wissensmanagement schafft nicht nur technologische Innovation, sondern auch messbaren geschäftlichen Mehrwert. Mit „Stella“ haben Sie eine skalierbare KI-Plattform entwickelt, die die Auswertung komplexer Dokumente ermöglicht. Welche konkreten Vorteile ergeben sich daraus für die tägliche Arbeit Ihrer Mitarbeitenden?

Herr Schrader: Bei unseren Finanzierungen begegnen uns tagtäglich komplexe Dokumente wie umfassende Vertragswerke oder Unternehmens- und Projektbeschreibungen. Über „Stella“ lassen sich solche umfassenden Dokumente zusammenfassen, analysieren und in Formate übertragen, die im Prozessverlauf weiterverwendet werden. Die Ergebnisse der erstellten Analysen sind sehr gut und über die Rückverfolgung zu den Dokumentquellen lässt sich zudem die erforderliche Qualitätssicherung sicherstellen. Somit unterstützt „Stella“ unsere Mitarbeitenden, die sich nun beispielsweise stärker auf kreditmaterielle Fragen konzentrieren können, statt auf das Durchsuchen von Dokumenten. Tatsächlich ist „Stella“ eine Plattform, über die wir verschiedene Lösungen bereitstellen konnten: neben der initialen Kreditanalyse auch Chat-Funktionen für interne Richtlinien, Compliance-Prüfungen sowie Ratinganalysen.


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