Interview

Digitale Souveränität im Kapitalmarkt

Warum Europa eine integrierte Infrastruktur für tokenisierte Vermögenswerte braucht

von Nehir Safak-Turhan

Mit dem DLT-Pilot-Regime hat die Europäische Union seit 2023 einen regulatorischen Rahmen geschaffen, der den Handel und die Abwicklung tokenisierter Finanzinstrumente ermöglicht. Damit zählt die EU zu den weltweit fortschrittlichsten Rechtsräumen für digitale Wertpapiere.

Die rasante Entwicklung der Blockchain-Technologie wirkt dabei als zentraler Katalysator. Sie beschleunigt Innovationen und etabliert sich zunehmend als integraler Bestandteil moderner Kapitalmarktinfrastrukturen. Diese Dynamik spiegelt sich auch in der aktuellen Marktentwicklung wider: Im zweiten Halbjahr 2025 wurden 71 digitale Wertpapiere emittiert – ein neuer Höchststand. Das Emissionsvolumen verdreifachte sich gegenüber dem Vorhalbjahr auf rund 280 Millionen Euro. Damit überschritt das Gesamtvolumen aller bislang emittierten tokenisierten Wertpapiere erstmals die Marke von einer Milliarde Euro und erreichte 1,23 Milliarden Euro.

Diese Innovationsdynamik stärkt nicht nur den technologischen Fortschritt der Branche, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Faktor für die digitale Souveränität der europäischen Finanzindustrie. Denn mit der Digitalisierung des Kapitalmarkts gewinnt die Frage an Bedeutung, wer die zugrunde liegenden Infrastrukturen entwickelt, betreibt und kontrolliert.

In diesem Fachinterview sprechen wir mit Sven Wilke, Deputy CEO & CGO Seturion, darüber, welche Bedeutung eine pan-europäische Settlement Plattform für die Wettbewerbsfähigkeit und digitale Souveränität des europäischen Finanzmarkts hat.


Sven Wilke...

...ist seit 2025 Deputy CEO & Chief Growth Officer bei Seturion und war davor über vier Jahre Executive Directore Group Strategy und M&A bei Boerse Stuttgart Group.

Frank Schwab

Nehir: Der Markt für tokenisierte Wertpapiere entwickelt sich in Europa mit hoher Dynamik und wächst deutlich schneller als traditionelle Kapitalmarktsegmente. Damit verschiebt sich die Diskussion von der grundsätzlichen Akzeptanz der Tokenisierung hin zur Frage, wie schnell institutionelle Marktteilnehmer deren Potenziale erschließen und in die Praxis überführen. Was muss aus Deiner Sicht geschehen, damit dieser Transformationsprozess erfolgreich gelingt?

Sven:

Die Euphoriephase liegt mittlerweile hinter uns. Die Technologie hat bewiesen, dass sie funktioniert. Jetzt geht es darum, echten wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen.

Die Branche wird künftig nicht daran gemessen, wie viele Pilotprojekte sie startet, sondern welche konkreten Ergebnisse sie liefert. In diesem Punkt ist der Finanzsektor bereits deutlich weiter als viele andere Industrien. Banken, Börsen und Finanzmarktinfrastrukturen haben in den letzten Jahren massiv investiert und zahlreiche Anwendungsfälle aufgebaut.

Aus meiner Sicht ist ein pragmatischer Blick auf die einzelnen Asset-Klassen wichtig. Niemand kauft ein Wertpapier, nur weil es tokenisiert ist. Im Idealfall merkt der Anleger gar nicht, dass die Technologie im Hintergrund läuft.

Entscheidend ist, dass die Tokenisierung einen echten Nutzen schafft: niedrigere Kosten, schnellere Abwicklung, einfachere Prozesse oder einen besseren Zugang zu Investoren. Wenn wir diese Vorteile liefern, wird sich die Technologie durchsetzen.

Nehir: Der Handel mit tokenisierten Vermögenswerte erfolgt auf unterschiedlichen Blockchain-Netzwerken und technologischen Standards. Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund eine integrierte und interoperable pan-europäische Plattform für die Skalierung des Marktes?

Sven:

Meiner Meinung nach ist Interoperabilität eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Skalierung des Marktes.

Wir sehen heute, dass Banken und andere Marktteilnehmer parallel in ganz unterschiedliche Technologien investieren. Da gibt es Stablecoin-Projekte, verschiedene Blockchain-Netzwerke, eigene Infrastrukturinitiativen und unterschiedliche Handels- und Settlement-Lösungen.

Ich glaube nicht, dass am Ende nur eine Blockchain oder nur ein Standard übrig bleibt. Wir werden auf absehbare Zeit eine gewisse Vielfalt behalten. Und genau deshalb müssen diese Systeme miteinander sprechen können.

Für mich ist daher weniger entscheidend, welche Blockchain gewinnt, sondern wie wir dafür sorgen, dass unterschiedliche Systeme reibungslos zusammenarbeiten.

Genau hier setzt Seturion an: wir verstehen uns als eine Art Orchestrierungsschicht für den europäischen Kapitalmarkt. Wir sind bewusst technologieoffen und interoperabel. Unser Ziel ist es, unterschiedliche Blockchains, unterschiedliche Settlement-Mechanismen und unterschiedliche Marktteilnehmer miteinander zu verbinden. Denn nur so entstehen die Netzwerkeffekte, die wir für einen wirklich europäischen Markt brauchen.

Nehir: Der europäische Kapitalmarkt ist historisch gewachsen und stark fragmentiert. Warum sind Kooperationen, Partnerschaften und Netzwerkeffekte entscheidend für den Aufbau eines leistungsfähigen europäischen Ökosystems für tokenisierte Vermögenswerte?

Sven:

Kapitalmarktinfrastruktur war schon immer ein Netzwerkgeschäft. Der Wert einer Plattform steigt mit jedem zusätzlichen Teilnehmer.

Gleichzeitig müssen wir uns nichts vormachen: Europa ist historisch sehr fragmentiert. Viele nationale Märkte haben über Jahrzehnte eigene Strukturen aufgebaut, teilweise mit monopolartigen Eigenschaften.

Wenn wir jetzt die nächste Generation von Kapitalmarktinfrastruktur aufbauen, dann wird niemand Interesse daran haben, einfach neue digitale Monopole zu schaffen. Deshalb kann eine europäische Lösung nur gemeinsam mit der Industrie entstehen.

Genau deshalb setzen wir bei Seturion so stark auf Partnerschaften. Wir entwickeln die Plattform nicht für die Industrie, sondern gemeinsam mit der Industrie.

Wir haben bereits strategische Partnerschaften mit Nasdaq, Société Générale und flatexDEGIRO angekündigt. Weitere internationale Banken und Finanzinstitute werden folgen. Denn am Ende entsteht ein europäischer Markt nicht durch eine einzelne Firma, sondern durch ein starkes Netzwerk von Marktteilnehmern.

Nehir: Schnellere Abwicklungszeiten, geringere Kosten, höhere Interoperabilität, weniger Marktfragmentierung und eine skalierbare Infrastruktur scheinen zentrale Voraussetzungen für den Erfolg tokenisierter Wertpapiere zu sein. Ist es heute überhaupt möglich, diese Herausforderungen ganzheitlich zu adressieren? Und welche Rolle übernimmt Seturion dabei?

Sven:

Ja, ich bin überzeugt, das ist heute möglich.

Dafür müssen wir uns allerdings auf die richtigen Anwendungsfälle konzentrieren. Die Branche sollte sich nicht in Ideen verlieren, die zwar spannend klingen, deren wirtschaftlicher Nutzen aber erst in zehn Jahren sichtbar wird.

Wir brauchen heute Asset-Klassen, bei denen Tokenisierung sofort einen Mehrwert schafft und schnell skaliert werden kann.

Für uns sind strukturierte Produkte ein sehr gutes Beispiel. Der Markt ist groß, die Prozesse sind standardisiert und die wirtschaftlichen Vorteile lassen sich relativ schnell realisieren. Als Teil der Boerse Stuttgart Group bringen wir hier eine starke Marktposition und viel Erfahrung mit.

Gleichzeitig sehen wir Seturion nicht als Lösung für eine einzelne Asset-Klasse. Strukturierte Produkte sind für uns der Einstieg. Darüber hinaus sehen wir großes Potenzial bei Fonds, Anleihen, ETFs und vielen weiteren Vermögenswerten.

Unsere Rolle ist dabei, die Infrastruktur bereitzustellen, die all diese Märkte miteinander verbindet und eine effiziente, grenzüberschreitende Abwicklung ermöglicht.

Nehir: Kapitalmarktinfrastrukturen gehören zu den strategisch wichtigsten Systemen einer Volkswirtschaft. Wenn die Abwicklung tokenisierter Wertpapiere künftig über digitale Plattformen erfolgt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach deren Kontrolle und Betrieb. Welchen Beitrag kann eine europäische Settlement-Infrastruktur leisten, um die digitale Souveränität Europas zu stärken und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Finanzstandorts zu sichern?

Sven:

Für mich ist das am Ende weniger eine Technologiefrage als eine Frage der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Europa hat großartige Unternehmen und einen riesigen Kapitalmarkt. Gleichzeitig sind wir immer noch in viele nationale Märkte aufgeteilt. Das macht es schwer, Kapital effizient über Ländergrenzen hinweg zu mobilisieren.

Ein Beispiel: der Mittelstand. Ein deutsches Unternehmen sollte genauso einfach Kapital von einem Privatanleger in Frankreich oder Spanien aufnehmen können wie von einem Anleger in Deutschland. In der Praxis ist das heute oft deutlich komplizierter, als es sein müsste.

Genau hier sehen wir die Rolle von Seturion. Unser Ziel ist es, die Fragmentierung im europäischen Nachhandel zu reduzieren und einen gemeinsamen europäischen Settlement-Layer aufzubauen.

Langfristig geht es dabei um viel mehr als nur um schnellere Abwicklung oder niedrigere Kosten. Es geht darum, einen tatsächlich integrierten europäischen Kapitalmarkt zu schaffen.

Wenn uns das gelingt, profitieren Unternehmen von einem besseren Zugang zu Kapital, Investoren von einem größeren Anlageuniversum und Europa insgesamt von mehr Wettbewerbsfähigkeit und mehr digitaler Souveränität.

Oder anders gesagt: Der europäische Binnenmarkt hat den freien Warenverkehr ermöglicht. Jetzt haben wir die Chance, auch den Kapitalverkehr infrastrukturell wirklich europäisch zu machen. Das ist aus meiner Sicht eine der spannendsten Aufgaben der kommenden Jahre.

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