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Warum „one size fits all“ bei seltenen Erkrankungen scheitert.

Seltene Erkrankungen sind alles andere als selten, wenn man sie in ihrer Summe betrachtet. Einzelne Indikationen betreffen jedoch nur sehr wenige Menschen. In der Europäischen Union gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen (also etwa 1 zu 2.000) betroffen sind.

Bei so kleinen Patientengruppen stellt sich unweigerlich die Frage: Wer entwickelt überhaupt Medizinprodukte oder Arzneimittel für diese Menschen und wie können diese Produkte reguliert zugelassen werden, wenn klassische große Studien kaum machbar sind?

Orphan Devices: Sinnvoll, aber für Hersteller hochriskant

Die Entwicklung von Orphan Devices klingt auf dem Papier nach einer klaren Win-win-Situation: dringend benötigte Lösungen für Patienten mit hohem medizinischem Bedarf. In der Praxis ist dieses Feld jedoch für viele Hersteller wirtschaftlich und operativ extrem anspruchsvoll.

Typische Hürden:

  • Begrenzter Markt: Durch die wenigen Betroffenen pro Indikation ist das Umsatzpotenzial stark eingeschränkt – auch bei höherem Preisniveau.
  • Hohe Entwicklungskosten: Klinische Entwicklung, Herstellung, Qualitätsmanagement, Zulassung & Co. bewegen sich schnell im hohen zweistelligen bis dreistelligen Millionenbereich – unabhängig davon, ob die Patientengruppe groß oder klein ist.
  • Schwierige klinische Studien: Die Patientinnen und Patienten sind selten, geografisch verstreut und oft multimorbid. Klassische randomisierte, groß angelegte Studien sind häufig schlicht nicht realistisch.
  • Unsicherheit nach Zulassung: Selbst wenn das Produkt zugelassen ist, bleibt oft unklar, wie hoch die tatsächlichen Erlöse sein werden – etwa aufgrund schwieriger Preisverhandlungen oder eingeschränktem Zugang.

Hersteller, die sich dennoch auf Orphan Devices fokussieren, benötigen daher eine starke finanzielle Basis, tiefes medizinisch-regulatorisches Know-how, Zugang zu Patientennetzwerken und Registern sowie ein sehr robustes, aber zugleich flexibles QMS und Datenökosystem.

Orphan Devices im Kontext der MDR – mehr als nur Nische

Die EU unterstützt Orphan-Arzneimittel bereits seit Jahren mit klaren Kriterien und Anreizen wie bis zu 10 Jahren Marktexklusivität. Gleichzeitig bleibt der Anspruch unverändert:

Auch Orphan-Produkte müssen wirksam und sicher sein und das mit stabiler Evidenz belegt.

Für Medizinprodukte bedeutet das: Die Anforderungen an klinische Evidenz, Post-Market Surveillance (PMS), Register und Langzeitdaten sind häufig besonders hoch, gerade weil die Datenlage zu Erkrankung und Therapien begrenzt ist.

Regulatorische Flexibilität: Was erlaubt die MDR überhaupt?

Die MDR erlaubt in bestimmten Fällen flexiblere Ansätze für die klinische Evidenz, insbesondere bei sehr kleinen Patientengruppen. Eine konkrete Einordnung gibt die Leitlinie MDCG 2024 10, die sich mit Orphan Devices befasst.

Damit eine benannte Stelle einen flexibleren Ansatz akzeptiert, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Zunächst braucht es einen plausiblen Orphan-Status: Das Produkt adressiert eine seltene Erkrankung mit einer kleinen Patientengruppe, für die klassische große Studien realistisch nicht durchführbar sind und es besteht ein klarer medizinischer Bedarf, idealerweise bei wenigen oder keinen Therapiealternativen. Außerdem muss auch bei begrenzten prä-markt Daten ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis nachgewiesen werden, das heißt eine nachvollziehbare klinische Plausibilität, stimmige technische und klinische Daten sowie ein angemessenes Risikomanagement.

Unverändert gilt, dass alle General Safety and Performance Requirements (GSPR) aus Anhang I der MDR vollständig erfüllt sein müssen – inklusive biologischer Sicherheit, technischer Sicherheit und Leistung, klinischer Leistung und Risiko-Nutzen-Analyse. Die MDR senkt für Orphan Devices also keine Sicherheitsanforderungen, sondern erlaubt lediglich flexiblere Strategien zur Erbringung der klinischen Evidenz. Ein weiterer zentraler Baustein ist ein starker PMCF-Plan (Post-Market Clinical Follow-up): Hersteller müssen schlüssig darlegen, wie nach der Markteinführung zusätzliche Daten über PMCF-Studien und Register erhoben werden, welche klinischen Fragestellungen adressiert werden und wie das Nutzen-Risiko-Verhältnis fortlaufend überwacht und bei Bedarf angepasst wird.

Wie sieht regulatorische Flexibilität konkret aus?

Weniger umfangreiche prä-markt klinische Daten möglich

Bei Standard-Hochrisikoprodukten werden oft große, randomisierte, kontrollierte Studien erwartet. Bei Orphan Devices kann die Benannte Stelle unter bestimmten Voraussetzungen akzeptieren:

  • kleinere Fallzahlen,
  • nicht-randomisierte Studien,
  • einarmige Studien ohne klassische Kontrollgruppe,
  • pragmatische Studiendesigns, die die reale Machbarkeit berücksichtigen.

Entscheidend ist, dass das Gesamtpaket der Evidenz – prä-markt + post-markt – stimmig und ausreichend ist.

Nutzung alternativer Datenquellen

Für die klinische Bewertung können stärker alternative Evidenzquellen herangezogen werden, zum Beispiel:

  • Real-World-Daten aus der Versorgung,
  • Registerdaten,
  • historische Kontrollen,
  • Literatur zu Erkrankung und vergleichbaren Produkten,
  • Daten aus ähnlichen Indikationen oder Produktvarianten.

Diese Quellen müssen jedoch methodisch sauber bewertet und in eine schlüssige klinische Argumentation eingebettet werden.

Stärkere Verlagerung in die Post-Market-Phase

Ein Kern der Flexibilität ist: Mehr Daten nach der Markteinführung statt ausschließlich davor.

Typische Instrumente:

  • PMCF-Studien speziell für seltene Erkrankungen,
  • indikationsspezifische Patientenregister,
  • strukturierte Langzeitdatenerhebung,
  • definierte Meilensteine zur Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses.
Proportionalitätsprinzip der MDR

Die MDR fordert eine „proportionate clinical evidence“. Das heißt, das Ausmaß und die Tiefe der klinischen Evidenz müssen verhältnismäßig sein zu:

  • Seltenheit der Erkrankung,
  • Schwere der Erkrankung und medizinischem Bedarf,
  • Verfügbarkeit oder Nicht-Verfügbarkeit von Alternativen,
  • realistischen Möglichkeiten für Studien.

Die MDR ist anspruchsvoll, aber nicht blind gegenüber den Realitäten seltener Erkrankungen.

Fazit: Flexibilität ja – Verantwortung auch

Orphan Devices bewegen sich in einem Spannungsfeld aus hohem medizinischem Bedarf, begrenzten Daten und hohem regulatorischem Anspruch.

Die MDR – unterstützt durch Leitlinien wie MDCG 2024 10 – schafft hier bewusst Spielräume, um Hersteller nicht durch unrealistische Studiendesigns auszubremsen. Gleichzeitig bleibt der Anspruch an Sicherheit und klinische Leistungsfähigkeit unverändert hoch.

Regulatorische Flexibilität ist kein „Rabatt“ auf Sicherheit, sondern eine Einladung, gemeinsam machbare Wege zu finden, um Patienten mit seltenen Erkrankungen trotzdem sichere und wirksame Medizinprodukte zur Verfügung zu stellen.


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Autorin Samira Hamm

Samira Hamm ist seit mehreren Jahren bei der adesso SE im Bereich Life Sciences tätig. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt auf dem Requirements Engineering sowie dem Qualitätsmanagement in Softwareprojekten, insbesondere im stark regulierten Gesundheits- und Medizinumfeld. Dabei verbindet sie methodisches Know-how mit einem tiefen Verständnis für branchenspezifische Anforderungen.

Kategorie:

Branchen

Schlagwörter:

Life Science


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