adesso Blog

Als sie von der erneuten Anpassung des Zeitplans für die praktische Anwendung der EUDR zum Ende des letzten Jahres erfuhren, haben viele Unternehmensverantwortliche sicherlich erleichtert reagiert. Dabei wurde jedoch häufig die eigentliche Quintessenz übersehen. Mit der Verabschiedung des ersten Omnibus-Pakets zur Anpassung der CSRD und der CS3D im Herbst 2025 verändert sich die EU-ESG-Regulierung: Aus einem diffusen, sich ständig ausweitenden Regulierungsrisiko für Unternehmen wird ein klar umrissenes Spielfeld mit definierten Schwellenwerten, entschlackten Pflichten und einem absehbaren Zeitplan. Die angehobenen CSRD-Schwellwerte (unter anderem eine deutlich höhere Anzahl an Mitarbeitenden und deutlich höhere Umsatzgrenzen) sowie die Reduktion der geforderten Datentiefe führen dazu, dass ein erheblicher Teil der ursprünglich betroffenen Unternehmen formal aus der Berichtspflicht fällt. Gleichzeitig sinkt der Umfang der verpflichtenden Datenpunkte für die verbleibenden Unternehmen je nach Zählweise um ca. 60 Prozent.

Diese „Verschlankung” bedeutet jedoch nicht das Ende von ESG. Die Kernarchitektur der EU-Sustainability-Gesetzgebung bleibt erhalten – inklusive Doppelmaterialität, Governance-Anforderungen und der Anbindung an weitere Regulierungen wie CSDDD, EUDR oder PPWR. Damit entsteht für eure Unternehmen im Jahr 2026 (endlich!) eine neue Qualität von Planungssicherheit – sowohl bezüglich des Kreises der Verpflichteten als auch in Bezug auf die Art und Tiefe der geforderten Informationen.

ESG-Management statt „Regulierungshopping“

In unserer Projektpraxis beobachten wir häufig, dass viele Unternehmen jede neue Regulierung als ein isoliertes Pflichtprojekt behandeln: ein Projekt für CSRD, eines für EUDR, eines für PPWR, eines für CSDDD – jeweils mit eigener Systemwelt, eigener Governance und eigenen Dateninseln. Dieses Vorgehen hat das Regulierungsrisiko und die Komplexität eher erhöht als reduziert, da jede neue Regulierung zwangsläufig zusätzliche Bruchstellen, Schnittstellen und Interpretationsfragen erzeugt.

Mit „Omnibus 1” und der nun sichtbaren Verschlankung des Regelwerks bietet sich euch eine neue Perspektive: weg vom „Abarbeiten” einzelner Gesetze, hin zu einem unternehmensweiten ESG-Management. Dabei werden alle relevanten Anforderungen als Varianten desselben Grundproblems verstanden: die strukturierte Erfassung, Bewertung und Steuerung von Nachhaltigkeitswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Unternehmen. Wenn ihr ESG als Managementsystem aufsetzt, könnt ihr neue und geänderte Regulierungen zukünftig deutlich schneller absorbieren. Notwendige Governance-Strukturen, Rollen, Datendomänen und Prozesse existieren bereits und neue Anforderungen werden als Konfiguration dieses Systems verstanden, nicht mehr als separate Sonderwelt.


Data Driven

Vom Datenchaos zum datengetriebenen Unternehmen

In einer digitalen Welt sind Daten für Wettbewerbsvorteile, smarte Automatisierung und effektive Geschäftsentscheidungen entscheidend. Doch viele Unternehmen nutzen ihre Datenschätze nicht. Gründe hierfür sind Silos, fehlende Transparenz und mangelnde Strategien.

Wir zeigen euch, wie ihr Daten in echten Geschäftswert verwandeln, Prozesse optimieren und eure Zukunftsfähigkeit sichern könnt. Ladet euch das Whitepaper herunter und erhaltet praxisnahe Einblicke aus erfolgreichen Referenzen.

Mehr erfahren


Datenplattform statt Einzellösung: Konfiguration statt Neuaufbau

In meinem Blog-Artikel zum Thema EUDR hatte ich bereits gezeigt, wie stark sich Synergien heben lassen, wenn Daten und Prozesse für verschiedene Regelwerke auf einer gemeinsamen Plattform laufen. Genau hier liegen nach “Omnibus 1” jetzt die größten Chancen für digitale Lösungen: Anstatt isolierte Fach-Tools aufzubauen, lohnt sich der Aufbau einer modularen ESG- Datenplattform, die zentrale Domänen wie Stammdaten, Lieferkettendaten, Umwelt- und Sozialindikatoren, Governance-Informationen und Geodaten integriert und über Konfiguration steuerbar macht.

Technisch bedeutet das:

  • Zentrale Datendomänen und gemeinsame Datenpools: CSRD-Indikatoren, EUDR- Geodaten, Lieferketten-Risiken (LkSG/ CSDDD), Verpackungsdaten (PPWR) und Klimadaten werden auf einer gemeinsamen Datenbasis modelliert.
  • Konfigurierbare Regulierungslogik: Welche Datenpunkte für welche Einheit und welches Jahr zu berichten sind, ergibt sich aus konfigurierbaren Regeln (Schwellenwerte, Scope, Wesentlichkeit) und eben nicht aus fest verdrahteten IT-Logiken.
  • Wiederverwendbare Prozesse: Due Diligence Workflows, Lieferantenabfragen, Risikobewertungen oder Audit Trails werden so aufgebaut, dass sie für verschiedene Regulierungen genutzt und nur parametrisiert werden müssen.

Gerade unter den Bedingungen von „Omnibus“ ist diese Architektur attraktiv: Wenn Schwellenwerte steigen und der formale Scope sinkt, bleibt das Bedürfnis nach konsistenten ESG-Daten in der Wertschöpfungskette trotzdem bestehen – nur verschiebt sich jetzt der Fokus vom Berichtszwang zur strategischen Nutzung. Digitale Plattformen, die sich über Konfiguration an neue regulatorische Anforderungen anpassen lassen, werden zu eurem Werkzeug, um das Regulierungsrisiko in einen strukturierten Innovations- und Steuerungsraum zu transformieren.

Wert der Wesentlichkeitsanalyse: 60  Prozent „frei gewordene“ Daten als Steuerungshebel

Ein zentrales Missverständnis in der Debatte um „Omnibus“ ist die Annahme, dass der Wegfall formaler Berichtspflichten die zugrunde liegenden Analysen „überflüssig“ macht. Das Gegenteil ist eher der Fall: Gerade Unternehmen, die in den letzten Jahren eine Doppelmaterialitätsanalyse sauber durchgeführt, Stakeholder einbezogen und ESRS-Datenpunkte validiert und gemappt haben, verfügen nun über einen Datenschatz, der weit über die minimalen Pflichtumfänge hinausgeht.

Wenn – je nach Auslegung der revidierten ESRS – rund 60 Prozent der initial identifizierten Datenpunkte durch „Omnibus“ nicht mehr zwingend berichtspflichtig sind, bedeutet das nicht, dass diese Kennzahlen wertlos sind. Ganz im Gegenteil:

  • Sie liefern fein aufgelöste Indikatoren zu Risiken, Chancen und Wirkungen. Diese lassen sich hervorragend für das interne Performance-Management, die Szenario-Planung und Investitionsentscheidungen nutzen.
  • Sie ermöglichen eine weitergehende Steuerung entlang der Wertschöpfungskette – etwa beim Lieferantenportfolio, bei Standortentscheidungen oder bei der Produkt- und Portfolioentwicklung –, ohne dass ein zusätzlicher Erhebungsaufwand entsteht, da die Daten bereits vorhanden sind.

Genau hier eröffnen sich euch neue Chancen für digitale Lösungen. Reporting-Plattformen, die bisher vor allem als reine „Pflichterfüllungs-Tools“ genutzt wurden, können um Funktionen für Planung, Simulation und operative Steuerung ergänzt werden. Die dadurch frei werdenden Datenpunkte (in der Größenordnung von etwa 60 Prozent) könnt ihr beispielsweise in Dashboards, Frühwarnindikatoren, Szenario-Engines oder zur Optimierung von Portfolios nutzen und so für die Unternehmenssteuerung einsetzen, anstatt sie als regulatorischen „Kollateralschaden“ zu behandeln.

2026: Startpunkt für eine produktive ESG-Digitalisierung

Die Kombination aus „Omnibus“ mit seiner Klarheit, reduzierten Pflichten und dem weiterhin hohen Erwartungsdruck von Investoren, Kunden und Banken markiert das Jahr 2026 als entscheidenden Wendepunkt: ESG wandelt sich von einer defensiven Abwehrhaltung („Wie vermeiden wir Bußgelder?“) zu einem aktiven Gestaltungsfeld. Regulierung setzt dabei den Rahmen, während digitale Lösungen ganz neue Spielräume ermöglichen.

Die Entwicklung digitaler Lösungen sollte deshalb auf diese drei Leitlinien ausgerichtet sein:

  • In ESG-Management statt in Einzelregulierungen denken: ein Set an Governance-Strukturen, Prozessen und KPIs, das EUDR, CSRD, PPWR, CSDDD & Co. als Varianten desselben Steuerungsproblems begreift.
  • In den Aufbau von Datenplattformen statt in weitere „Tool Silos“ investieren. - Architekturentscheidungen jetzt so treffen, dass neue oder geänderte Regulierungen über Konfiguration und nicht über Neuimplementierung abgebildet werden können.
  • Bereits erarbeitete Wesentlichkeits- und Datenmodelle weiter nutzen. Auch wenn euer Unternehmen unter die neuen Schwellen fällt, bleiben die Erkenntnisse aus der Wesentlichkeitsanalyse („Was ist für unser Unternehmen wirklich wesentlich?“) und der Aufbau der ESRS-Datenstruktur ein zentraler Wettbewerbsvorteil – sowohl für das interne Management als auch für die freiwillige, zielgruppenorientierte Berichterstattung.

Wenn ihr den Fokus auf die weiterhin bestehenden Pflichten zur ESG-Berichterstattung legt, solltet ihr zuerst die doppelte Wesentlichkeitsanalyse (DWA) als zentrales Element prüfen. Die überarbeiteten ESRS-Standards eröffnen euch jetzt konkrete Chancen, die DWA im nächsten Durchlauf deutlich effizienter zu gestalten:

  • die Komplexität der Anforderungen wurde spürbar reduziert.
  • der Begriff „Wesentlichkeit“ ist jetzt klarer definiert.
  • ein Top-Down-Ansatz unterstützt die Auswahl wesentlicher Themen.
  • die Anforderungen an die Detailtiefe bei der Bewertung von Auswirkungen, Risiken und Chancen wurden abgesenkt, ohne den Kern der Risikoanalyse aufzuweichen.

Fazit

Wenn ihr die Quintessenz aus „Omnibus 1“ für die Ziele und Rahmenbedingungen eures Unternehmens berücksichtigt, könnt ihr den entscheidenden Schritt machen: weg von einer rein reaktiven Erfüllung einzelner Verordnungen, hin zu einem proaktiven, digital integrierten ESG-Management. Das gibt euch die notwendige Compliance-Sicherheit, um Innovation, Effizienz und Resilienz in eurem Unternehmen systematisch weiterzuentwickeln.


Wir unterstützen euch!

Von Regulierung zu Steuerung – ESG neu denken mit adesso. Die Anforderungen bleiben komplex, auch wenn der formale Scope sinkt. adesso begleitet euch dabei, ESG nicht als Sammlung einzelner Pflichtprojekte, sondern als integriertes Managementsystem aufzusetzen. Habt ihr Fragen oder Anregungen zu diesem Thema? Meldet euch gerne bei mir. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen.

Jetzt unverbindlich Kontakt aufnehmen


Bild Tobias Kosten

Autor Tobias Kosten

Tobias Kosten ist Lead Digital Sustainability Management (DSM) bei adesso. Als Teil der Cross Industry (CI) Line of Business fokussiert er sich branchenübergreifend auf den Einsatz digitaler Lösungen zur Steigerung der Nachhaltigkeitsperformance. Durch eine ganzheitliche Betrachtung der Aufgabenstellungen unterstützt er Unternehmen dabei, ihren Erfolg langfristig zu steigern.

Kategorie:

Methodik

Schlagwörter:

Nachhaltigkeit

Regulatorik


asdf

Unsere Blog-Beiträge im Überblick

In unserem Tech-Blog nehmen wir Sie mit auf eine spannende Reise durch die adesso-Welt. Weitere interessante Themen finden Sie in unseren bisherigen Blog-Beiträgen.

Zu allen Blog-Beiträgen

asdf

Unser Newsletter zum adesso Blog

Sie möchten regelmäßig unser adesso Blogging Update erhalten? Dann abonnieren Sie doch einfach unseren Newsletter und Sie erhalten die aktuellsten Beiträge unseres Tech-Blogs bequem per E-Mail.

Jetzt anmelden