adesso Blog

Lange Zeit galt in der IT-Strategie von Händlern ein unumstößliches Gesetz: „Standard-Software vor Eigenentwicklung“. Das Ziel war einleuchtend: Komplexität reduzieren, von den Best Practices der großen Anbieter profitieren und die Wartungsverantwortung nach außen delegieren. Doch die Rahmenbedingungen für dieses Modell haben sich in der letzten Zeit massiv verschoben. Während die Lizenzkosten für Standardprodukte stetig steigen, sinkt die Hürde für Individuallösungen durch agentische Ansätze drastisch. Es ist Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme.

Die ökonomische Realität: Warum Standardprodukte teurer werden

Der Anstieg der Total Cost of Ownership (TCO) bei großen Standard-Suiten ist kein subjektives Empfinden, sondern das Ergebnis handfester Marktdynamiken. Wer heute auf große Standard-Lösungen setzt, sieht sich oft mit einer Kostenstruktur konfrontiert, die kaum noch Raum für operative Spielräume lässt.

Der „Cloud-Transition“-Aufschlag

Analysten wie Gartner und Forrester beobachten seit geraumer Zeit, dass der Wechsel von klassischen On-Premise-Lizenzen zu SaaS-Modellen selten zu Kosteneinsparungen führt. Im Gegenteil: Die Anbieter nutzen den Umstieg oft zur Neugestaltung ihrer Preismodelle. Was früher eine einmalige Investition war, ist heute eine dauerhafte, oft steigende Betriebsausgabe.

Die SaaS-Inflation

Marktstudien, unter anderem von Vertice, belegen eine „SaaS-Inflation“, die deutlich über der allgemeinen Teuerungsrate liegt. Jährliche Preisanpassungen im hohen einstelligen Bereich sind heute branchenüblich. Da die Wechselhürden bei tief integrierten ERP-Systemen enorm hoch sind, befinden sich Händler oft in einer einseitigen Preisspirale.

Bundling und die „Innovation Tax“

Ein weiterer Trend ist das „Packaging“. Wertvolle neue Funktionen – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz – werden oft nicht in bestehende Lizenzen integriert. Sie müssen über teure Premium-Pakete oder separate Add-ons erworben werden. Händler zahlen so für eine Innovationskraft, die sie sich mühsam über den Standard-Anbieter „mieten“ müssen.

Die funktionale Lücke: Wenn „Standard“ nicht mehr passt

Viel schwerwiegender als die reinen Kosten ist jedoch die funktionale Passgenauigkeit. In diversen Anforderungsanalysen in der Domäne „Warenwirtschaft“ haben wir eine interessante Entdeckung gemacht: Bis zu 50 % der Anforderungen von Händlern lassen sich im Standard nicht ohne Weiteres abbilden.

Das Erstaunliche dabei ist: Es handelt sich hierbei meist nicht um exotische Nischenwünsche. Es geht um Prozesse, die viele Entscheidungstragende vermeintlich für „Standard“ halten, die in der Realität aber die individuelle Wettbewerbsfähigkeit und die Marge sichern.

  • Agile Preisfindung: Moderne Händler benötigen Kalkulationslogiken, die weit über statische Rabatte hinausgehen. Wer Preise in Echtzeit auf Basis von Marktdaten, Beständen und komplexen Konditionsgefügen steuern will, stößt im starren Standard oft auf harte Grenzen.
  • Sortimentssteuerung: Die Fähigkeit, Waren hochspezifisch auf Filialgruppen, Kanäle oder saisonale Cluster auszusteuern, ist das Herzstück des Handels. Standard-Suiten bieten hier oft nur grobe Raster, die der notwendigen Granularität nicht gerecht werden.
  • Konditionenmanagement: Die Abbildung individueller Lieferantenvereinbarungen und komplexer Rückvergütungsmodelle ist hochgradig individuell. Hier führt das strikte Festhalten am Standard-Mantra oft zu teuren Workarounds und manuellen Schatten-Prozessen.

Die Best-of-Breed-Kostenfalle

Viele Händler wissen, dass die Standardsuite allein nicht ausreicht. Sie ergänzen das System um spezialisierte Best-of-Breed-Komponenten, um die funktionalen Defizite auszugleichen. Zwar schließen diese Speziallösungen die operative Lücke, sie führen jedoch in der Summe zu massiven Mehrkosten. Man zahlt dann nicht selten doppelt – für die Basislizenz der Suite, die man funktional gar nicht voll ausschöpft, und für die zusätzliche Spezialsoftware obendrauf.

Der technologische Hebel: adSCAILE und die neue Effizienz

Warum war Individualentwicklung früher oft das Schreckgespenst der CIOs? Weil sie als teuer, risikoreich und schwer wartbar galt. Doch genau hier setzt ein Paradigmenwechsel an. Mit adSCAILE (adesso Smart Cycle for AI-enhanced Lightweight Software Engineering) haben wir ein Framework zur agentischen Softwareentwicklung geschaffen, das die Wirtschaftlichkeit von Eigenentwicklungen völlig neu definiert.

Wir sprechen heute von Effizienzgewinnen im hohen zweistelligen Prozentbereich über den gesamten Software-Lebenszyklus. Doch woher kommen diese Gewinne konkret? Es ist nicht „schnelleres Tippen“, sondern eine fundamentale Prozessveränderung durch den Einsatz spezialisierter KI-Agenten:

Automatisierung der Fleißarbeit

Ein erheblicher Teil der Entwicklungszeit entfällt traditionell auf repetitive Aufgaben: das Aufsetzen von Datenstrukturen, das Schreiben von Schnittstellen-Code (APIs) oder die Erstellung technischer Dokumentation. Innerhalb des adSCAILE-Frameworks übernehmen spezialisierte KI-Agenten diese Aufgaben autonom. Sie generieren Code-Gerüste streng nach den definierten Architektur-Vorgaben, was den menschlichen Entwickler für die kreative und komplexe Fachlogik freispielt.

„Shift-Left“ Quality & Testing

In klassischen Projekten werden Fehler oft erst spät im Prozess entdeckt, was teure Korrekturschleifen nach sich zieht. adSCAILE integriert Test-Agenten direkt in den Entstehungsprozess. Diese Agenten schreiben bereits während der Entwicklung automatisierte Tests und führen statische Code-Analysen durch. Das Ergebnis ist eine deutlich höhere „First-Time-Right“-Quote und eine drastische Reduktion des zeitfressenden Reworks.

Agentische Orchestrierung

Der größte Sprung entsteht durch den Wechsel von der Zeilen- zur Aufgaben-Ebene. Statt jeden Befehl einzeln zu programmieren, agieren Developer als orchestrierende Person von Agenten-Flotten. Man delegiert komplexe Aufgaben – wie etwa die Implementierung eines neuen Moduls zur Konditionsprüfung – an die agentische Umgebung. Diese entwirft, implementiert und validiert den Vorschlag, während der Mensch die strategische Qualitätskontrolle übernimmt.

Nahtloses Wissensmanagement

Die Einarbeitung in bestehende Code-Basen oder die Analyse komplexer fachlicher Anforderungen wird durch adSCAILE massiv beschleunigt. Informationen stehen ad-hoc zur Verfügung, und die KI-Agenten helfen dabei, die Auswirkungen von Änderungen im System sofort zu überblicken. Das reduziert die gefürchtete „Maintenance-Falle“ von Individualsoftware.

Fazit: Souveränität als strategische Option

Wir raten ausdrücklich nicht zu einem blinden Abschied vom Standard. Standard-Software bietet für wertneutrale Prozesse weiterhin ein notwendiges Fundament. Aber wir regen dazu an, die „Standard-First“-Doktrin dort konsequent zu hinterfragen, wo sie die Differenzierung behindert und die Kosten treibt.

Dank des adSCAILE-Frameworks ist die Schwelle, ab der sich eine Individuallösung gegenüber einem teuren, unflexiblen Standard-Modul rechnet, massiv gesunken. Es geht nicht darum, den Standard zu verteufeln, sondern dort in Software-Souveränität zu investieren, wo Ihre Wettbewerbsfähigkeit – in der agilen Preisfindung, der Sortimentssteuerung oder dem Konditionenmanagement – entschieden wird.

Individualität ist kein technischer Luxus mehr, sondern durch agentische Unterstützung eine wirtschaftlich vernünftige Entscheidung für die Zukunft Ihres Handelsunternehmens.


adSCAILE

Agentische Softwareentwicklung

Möchtet ihr prüfen, ob euer „Standard“ euch ausbremst? Erfahrt mehr über adSCAILE und unseren Ansatz zur modernen Warenwirtschaft.

Mehr erfahren


Bild Marc Jano Fröhlich

Autor Marc Jano Fröhlich

Marc Jano Fröhlich ist Business Development Manager bei der adesso SE für den Bereich Retail am Standort Köln. Er blickt auf insgesamt 12 Jahre fundierte Handelserfahrung zurück, bevor er vier Jahre lang im Consulting von adesso verschiedene namhafte Händler bei ihrer digitalen Transformation begleitete. Heute nutzt er diese tiefgreifende Branchenexpertise, um die strategische Positionierung von adesso im Retail-Sektor maßgeblich mitzugestalten.

Kategorie:

Branchen

Schlagwörter:

Handel


asdf

Unsere Blog-Beiträge im Überblick

In unserem Tech-Blog nehmen wir Sie mit auf eine spannende Reise durch die adesso-Welt. Weitere interessante Themen finden Sie in unseren bisherigen Blog-Beiträgen.

Zu allen Blog-Beiträgen

asdf

Unser Newsletter zum adesso Blog

Sie möchten regelmäßig unser adesso Blogging Update erhalten? Dann abonnieren Sie doch einfach unseren Newsletter und Sie erhalten die aktuellsten Beiträge unseres Tech-Blogs bequem per E-Mail.

Jetzt anmelden