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Der Neubau einer Fabrik ist für jedes Unternehmen ein Meilenstein – ein Kraftakt aus Beton, Stahl und Logistik. Doch während die physischen Hallen wachsen, stellt sich hinter den Kulissen eine strategische Frage, die über die Wettbewerbsfähigkeit der nächsten Jahrzehnte entscheidet:

Bauen wir die IT/OT-Landschaft von gestern einfach noch einmal nach, oder nutzen wir die Gunst der Stunde für einen digitalen Quantensprung?

Diese Frage klingt abstrakt, ist aber hochkonkret. Denn spätestens wenn erste Layouts, Linienkonzepte und Anlagenhersteller feststehen, entscheidet sich, ob Ihr neues Werk nur ein moderner Zwilling des alten wird – oder der Startpunkt für eine wirklich zukunftsfähige Smart Factory.

Die Last der Historie: Wenn die Architektur das Wachstum bremst

In vielen bestehenden Werken finden wir „historisch gewachsene“ IT/OT-Strukturen vor. Über Jahre und Jahrzehnte ist das entstanden, was im Alltag „irgendwie funktioniert“. Im Detail zeigt sich aber häufig ein Muster, das Wachstum ausbremst:

  • Redundante Systeme: Unterschiedliche Applikationen kämpfen um die Hoheit über Fertigungsaufträge oder Materialbuchungen. Mal bucht das MES, mal ein eigenentwickeltes Shopfloor-Tool, mal ein altes Lagerverwaltungssystem und am Ende weiß niemand so recht, welches System „die Wahrheit“ hält.
  • Insellösungen: Veraltete Anwendungen, deren Hersteller längst nicht mehr existieren, laufen weiterhin, weil sie eine kritische Nische bedienen. Updates gibt es nicht mehr, Security-Patches schon gar nicht. Die Folge: Systeme werden in Sicherheitskapseln „eingesperrt“, statt sie sauber abzulösen.
  • Schnittstellen-Chaos: Über Jahre gewachsene Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen ERP, MES, CAQ, SCADA und Spezialtools. Jede Prozessänderung wird zur riskanten Operation – mit unklaren Seiteneffekten, hohem Testaufwand und der ständigen Gefahr, an einer unerwarteten Stelle etwas zu „brechen“.

Diese Landschaften sind der technologische Ausdruck dessen, was im Tagesgeschäft passiert: Stück für Stück wurden Probleme gelöst, Anforderungen adressiert, Funktionen ergänzt ohne ein übergreifendes Zielbild. Das Ergebnis ist ein fragiles Geflecht, das Veränderungen erschwert, Risiken erhöht und Innovation verlangsamt.

Die „Copy-Paste“-Falle

Beim Fabrikneubau ist die Versuchung groß, genau dieses Geflecht einfach zu kopieren. Das Szenario „Copy-Paste“ wirkt auf den ersten Blick attraktiv:

  • Die Systeme sind bekannt, die Mitarbeitenden damit vertraut.
  • Man vermeidet den Eindruck eines parallelen IT-Großprojekts.
  • Der Baufortschritt scheint nicht durch zusätzliche Digitalisierungsinitiativen gefährdet.

Doch der Preis dafür ist hoch und er wird oft erst nachträglich sichtbar:

  • Das neue Werk wird digital nicht besser als das alte. Es reproduziert dieselben Brüche, dieselben Umwege, dieselben Medienbrüche.
  • Die Potenziale von Industrie 4.0, IIoT und datengetriebenen Optimierungen bleiben weitgehend ungenutzt oder werden nur punktuell realisiert.
  • Die Chance, die Architektur radikal zu vereinfachen, zu standardisieren und klar zu strukturieren, ist für Jahre vertan – denn wer investiert kurz nach einem Neubau erneut in grundlegende IT/OT-Transformation?

„Copy-Paste“ erzeugt so eine trügerische Sicherheit: Der Anlauf wirkt risikoärmer, doch das neue Werk startet mit der digitalen Hypothek von gestern – in einem Marktumfeld, das immer schneller, volatiler und datengetriebener wird.

Der adesso-Weg: Mit System zur Smart Factory

Wir bei adesso verstehen den Fabrikneubau als strategisches Fenster, um die gesamte IT/OT-Bebauung auf den Prüfstand zu stellen – ohne den laufenden Betrieb zu gefährden und ohne den Bauprozess zu blockieren.

Unser Ansatz verbindet Praxisnähe im Werk mit methodischer Klarheit – insbesondere durch den Einsatz von TOGAF in der Architekturarbeit.

Im Kern folgen wir einem strukturierten Vorgehen, das sich in vielen Projekten bewährt hat:

  • 1. Bottom-up Ist-Analyse
  • 2. Top-down Zielbild
  • 3. Capabilities & Bebauungsplanung
  • 4. Unabhängige Softwareauswahl
  • 5. Integrierte Implementierung

Schauen wir uns diese Schritte genauer an.

1. Bottom-Up Ist-Analyse: Die Wahrheit liegt am Shopfloor

Jede sinnvolle Architekturarbeit beginnt mit einem ehrlichen Blick auf die Realität – nicht nur in Systemlandschaften, sondern vor allem in Prozessen.

Wir führen Prozessworkshops und Fachinterviews direkt mit den Menschen durch, die täglich im Werk arbeiten: Schichtführerinnen, Anlagenbediener, Instandhaltung, Qualität, Logistik. Denn sie wissen am besten, wo es hakt:

  • Wo entstehen Wartezeiten, weil Informationen fehlen?
  • Wo werden Daten doppelt erfasst – erst auf Papier, dann in einem System?
  • Wo wird auf Excel, Access oder selbst entwickelte Tools ausgewichen, weil die Standardapplikationen nicht ausreichen?
  • Wo entstehen manuelle Workarounds, um Schnittstellenprobleme zu überbrücken?

Wir bringen gleichzeitig Impulse aus der Industrie mit:

  • Welche Lösungen haben sich in anderen Werken bewährt?
  • Wie gehen andere Unternehmen mit ähnlichen Herausforderungen um?
  • Welche Trends sind relevant – und welche eher Hype?

Diese Kombination aus Shopfloor-Perspektive und Best-Practice-Erfahrung sorgt dafür, dass wir Verbesserungspotenziale nicht abstrakt, sondern sehr konkret identifizieren.

2. Top-Down Zielbild: Von der Vision zur greifbaren Smart Factory

Parallel dazu arbeiten wir mit Management, Werkleitung und IT-Leitung an der Frage, wohin die Reise gehen soll.

  • Soll das neue Werk eine hochautomatisierte „Dark Factory“ werden, in der menschliche Eingriffe minimal sind?
  • Oder steht eine agile „Smart Factory“ im Fokus, die hoch flexibel auf wechselnde Produkte, Varianten und Stückzahlen reagiert?
  • Welche Rolle spielen Themen wie End-to-End-Transparenz, Rüstzeitoptimierung, Condition Monitoring, vorausschauende Instandhaltung oder Energie- und Ressourceneffizienz?

Wir übersetzen diese strategische Vision in konkrete Digitalisierungs-Use-Cases, zum Beispiel:

  • Durchgängige Rückverfolgbarkeit vom Rohmaterial bis zum Endprodukt – in Echtzeit.
  • Ein zentrales Produktionsleitstand-Cockpit mit OEE, Störungsursachen und Engpassanalyse.
  • Digitale Assistenzsysteme für Werkerinnen und Werker, die komplexe Prozesse verständlich und sicher machen.
  • Ein integriertes Energiemonitoring, das Lastspitzen früh erkennt und Produktionsplanung und Energiekosten miteinander verzahnt.

So wird aus einem abstrakten Zielbild ein greifbares Set an Fähigkeiten, die das neue Werk wirklich auszeichnen sollen.

3. Capabilities & Bebauungsplanung: Struktur statt Bauchgefühl

Auf Basis der Ist-Analyse und des Zielbildes leiten wir die benötigten fachlichen Fähigkeiten („Capabilities“) ab – methodisch gestützt durch TOGAF.

Beispiele für solche Capabilities sind:

  • Auftragsfeinplanung und -durchsteuerung
  • Echtzeit-Rückmeldung von Maschinen- und Prozessdaten
  • Integrierte Qualitätsdatenerfassung und -analyse
  • Traceability über alle Prozessschritte
  • Lager- und Materialflusssteuerung
  • Energiemonitoring und -optimierung

Diese Capabilities spiegeln wir gegen die Bestandssysteme:

  • Welches System unterstützt heute welche Fähigkeit – und wie gut?
  • Wo gibt es offensichtliche Lücken („Gaps“)?
  • Wo existieren mehrere Systeme für dieselbe Capability – ein klarer Hinweis auf Redundanz?
  • Welche Eigenentwicklungen sichern kritisches Know-how, sind aber langfristig riskant?

Das Ergebnis ist eine Bebauungsplanung, die nicht aus der Tool-Perspektive, sondern aus der Business-Perspektive gedacht ist. Sie beantwortet Fragen wie:

  • Welche Systeme können sinnvoll ins neue Werk übernommen werden – in modernisierter Form?
  • Wo ist Konsolidierung dringend angeraten, um Komplexität zu reduzieren?
  • Wo lohnt es sich, bewusst auf neue Technologien oder Plattformen zu setzen?

Daraus entsteht eine strategische Roadmap, die fachliche Prioritäten, technologische Entscheidungen und zeitliche Sequenz miteinander verbindet. Sie gibt COOs, Werkleiterinnen und IT-Leitern eine belastbare Grundlage für Investitionsentscheidungen – statt sich auf Einzellösungen oder Herstellerargumente verlassen zu müssen.

4. Unabhängige Softwareauswahl: Herstellerneutral zum passenden Setup

Mit einer klaren Capabilities-Sicht und einer definierten Zielarchitektur im Rücken starten wir in die Auswahl konkreter Lösungen – anbieternunabhängig.

Unsere Rolle: Wir vertreten Ihre Interessen, nicht die eines bestimmten Herstellers.

  • Wir erstellen Anforderungsdokumente und Lastenhefte, die genau beschreiben, welche Capabilities in welcher Tiefe benötigt werden.
  • Wir strukturieren den Ausschreibungsprozess, vergleichen Angebote, moderieren Workshops und bewerten technische wie wirtschaftliche Aspekte.
  • Wir begleiten Proof-of-Concepts (PoCs), um zu sehen, wie sich Lösungen im realen Umfeld verhalten – insbesondere in der Integration mit ERP, bestehenden OT-Systemen und neuen Anlagen.

Für die Entscheiderinnen und Entscheider bedeutet das: Sie profitieren von methodischer Klarheit (TOGAF), Branchenerfahrung und Neutralität – statt sich in Feature-Listen oder Marketingversprechen der Anbieter zu verlieren.

5. Integrierte Implementierung: Wenn Bau, Anlagen und IT/OT zusammenwachsen

Die beste Architektur hilft wenig, wenn die Umsetzung nicht sauber orchestriert wird. Im Fabrikneubau treffen mehrere Welten aufeinander:

  • Bauleute und Generalunternehmende
  • Anlagenlieferanten und Automatisierende
  • IT-Abteilung, OT-Verantwortliche und Fachbereiche

Unser Anspruch ist, diese Welten zusammenzuführen und die IT/OT-Landschaft im gleichen Takt wie den Bau wachsen zu lassen.

Dafür:

  • koordinieren wir die Meilensteine von Bau, Anlagentechnik und IT/OT-Projekten,
  • entwickeln gemeinsam mit den Fachbereichen den Zielprozess, der im neuen Werk gelten soll,
  • sorgen dafür, dass jede Änderung am Anlagenlayout oder an der Automatisierungsstrategie direkt in den IT-Spezifikationen und Schnittstellendesigns reflektiert wird,
  • begleiten Inbetriebnahme, Ramp-up und Stabilisierung nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch – mit Schulungen, Hypercare-Phasen und klaren Verantwortlichkeiten.

So stellen wir sicher, dass das neue Werk nicht nur physisch, sondern auch digital zum geplanten Starttermin betriebsbereit ist – und die definierten Use-Cases nicht als PowerPoint-Vison, sondern als gelebte Realität im Shopfloor ankommen.

Fazit: Nutzt den Moment

Ein Fabrikneubau ohne IT-Modernisierung ist wie ein neuer Sportwagen mit einem Motor aus den 90ern. Er sieht gut aus, bringt aber nicht die Leistung auf die Straße.

Heute, wo Lieferketten volatil sind, Energiepreise schwanken und Produktlebenszyklen kürzer werden, entscheidet die Qualität eurer IT/OT-Architektur mit darüber,

  • wie schnell ihr neue Produkte in die Fertigung bringt,
  • wie robust euer Werk auf Störungen reagiert,
  • und wie transparent ihr Qualität, Kosten und Energieverbrauch steuern.

Steht ihr vor einem Fabrikbauprojekt oder plant die bestehende Produktions-IT/OT grundlegend zu modernisieren?

Wir begleiten von der ersten Ist-Analyse über die TOGAF-basierte Bebauungsplanung und herstellerunabhängige Softwareauswahl bis zur erfolgreichen Inbetriebnahme Ihrer Smart Factory – partnerschaftlich, pragmatisch und mit einem klaren Fokus auf messbaren Mehrwert.


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Bild Jannis Reich

Autor Jannis Reich

Jannis Reich ist Managing Consultant und berät Kunden in den Bereichen Produktion, Digitalisierungsstrategie und Smart Factory. Er verantwortet bei adesso die Schnittstelle zwischen Produktion und Life Science und hat in seiner vorherigen Rolle die erste SAP DM Implementierung im GxP-regulierten Bereich geleitet.

Kategorie:

Branchen

Schlagwörter:

Life Science


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