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Für viele von uns klingt Digital Design zunächst nach Oberfläche, nach Gestaltung, nach „irgendwas mit Apps". Das ist naheliegend, so ähnlich wie wir bei einem Menschen als erstes Gesicht, Körper und Haut wahrnehmen. Sie prägen unseren ersten Eindruck. Aber die Hülle allein ist nicht der Mensch. Darunter liegt ein komplexes Zusammenspiel aus Struktur, Steuerung und Energie, das im Verborgenen arbeitet und kontinuierlich die Prozesse steuert, die das System funktionsfähig halten.

Verhält es sich nicht genauso bei unseren digitalen Produkten und Services? Was wir sehen, ist nur die äußerste Schicht: der Screen, die App, das Interface. Was wir erleben, liegt tiefer. In der Logik der Abläufe, der Struktur, der Informationen, der Art, wie Systeme reagieren, lernen und entscheiden. Wie sie Vertrauen aufbauen oder Misstrauen erzeugen. Wie sie Wert schaffen oder Ressourcen nicht optimal nutzen.

Digital Design kann über diese Ebenen hinweg Orientierung schaffen. Es trägt dazu bei, Technologie verständlicher zu machen, Komplexität zu strukturieren, Menschen die Navigation durch Systeme zu erleichtern und digitale Angebote in einen sinnvollen Zusammenhang mit Geschäftsmodellen und Nutzerbedürfnissen zu bringen.

Es ist also kein kosmetischer Akt der Verschönerung. Es ist die Anatomie digitaler Wertschöpfung. Unternehmen, die das verstehen, haben die Fähigkeit nicht nur Symptome zu behandeln, sondern ihren digitalen Organismus gezielt zu stärken und weiterzuentwickeln.

In einer Zeit, in der KI-Agenten zunehmend an Gestaltungsprozessen beteiligt sind, Interfaces entwerfen, Code schreiben und Entscheidungen vorbereiten, wird die Frage nach der Anatomie nicht kleiner, sondern größer. Gestaltung verteilt sich dabei stärker auf das Zusammenspiel von Menschen, Technologien und organisatorischen Rahmenbedingungen.

Die digitale Transformation ist kein Projekt. Sie ist ein Entwicklungsprozess.

Die digitale Transformation lässt sich weniger als abgeschlossenes Projekt verstehen, sondern eher als fortlaufender Entwicklungsprozess. Viele Unternehmen prüfen derzeit, wie sie ihre Geschäftsmodelle unter diesen Bedingungen weiterentwickeln können: Produkte werden zunehmend zu Services, Services können sich zu Plattformen verbinden und Plattformen werden Teil größerer Ökosysteme. Wert entsteht dabei nicht mehr nur durch Herstellung, sondern auch durch Vernetzung, Nutzung, Daten und Erlebnis. Mit diesen Entwicklungen können sich Arbeitsweisen, Prozesse, Organisationsstrukturen und Rollenbilder in Unternehmen verändern. Welche Veränderungen sich tatsächlich durchsetzen, hängt jedoch vom jeweiligen Unternehmen, seinem Geschäftsmodell und dem konkreten Einsatz von Technologie ab. An diesem Punkt eröffnet sich ein neues Feld für die Gestaltung, die digitale Systeme funktionsfähig, anschlussfähig und bedeutungsvoll macht.

Mit gezielt eingesetztem Digital Design kann die digitale Transformation über ein rein technisches Upgrade hinausgehen. Dies kann dabei helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Orientierung zu schaffen und Entscheidungen bewusster zu treffen. So lassen sich Risiken aus Unschärfen frühzeitig erkennen und unterschiedliche Perspektiven in die Entwicklung einbeziehen.

Eine Frage der Anatomie

Um zu verstehen, was Digital Design wirklich ist, hilft die Analogie des Körpers. Ähnlich wie die Ausstellungen von „Körperwelten" den Menschen Schicht für Schicht freilegen, lässt sich auch eine digitale Lösung in ihrer inneren Struktur betrachten. Wenn sie eine Anatomie hat, wie könnte sie aussehen?

Die Haut als Oberfläche und Interface

Apps, Websites, Farben, Typografie, Buttons, Animationen. Hier entscheidet sich in Sekunden, ob Menschen bleiben oder abspringen. Aber Oberfläche ist nicht Substanz, sie ist Zugang.

Das Skelett als Struktur und Systemlogik

Informationsarchitektur, Navigation, Prozesslogik: die Ordnung, die digitalen Produkten Halt gibt, so wie Knochen dem Körper Form geben. Fehlt sie, verliert selbst das schönste Interface schnell an Nutzbarkeit.

Das Nervensystem als Daten und Interaktion

Digitale Systeme messen, lernen, passen sich an. Algorithmen steuern Aufmerksamkeit, Empfehlungen, Entscheidungen. Digital Design gestaltet diese Verbindungen und entscheidet damit, wie ein System „fühlt“, reagiert, handelt.

Das Herz für Emotion und Beziehung

Warum nutzen Menschen manche Produkte täglich und andere nie wieder? Weil gute Systeme nicht nur funktionieren, sondern berühren. Vertrauen, Orientierung, Freude – diese Ebene entscheidet über langfristige Kundenbeziehungen.

Die Organe als Wirtschaft und Infrastruktur

Geschäftsmodelle, Plattformlogiken, Datenökonomien: das Umfeld, in dem digitale Produkte „leben“. Hier wird Wert geschaffen oder verloren. Digital Design macht Geschäftsmodelle erlebbar und wirtschaftlich Sinnvolles menschlich nutzbar.

Das Bewusstsein für Haltung und Verantwortung

Digitale Systeme sind nie neutral. Sie lenken Aufmerksamkeit, priorisieren Inhalte, formen Kultur. Ethik und gesellschaftliche Wirkung sind deshalb kein Randthema, sondern Teil der gestalterischen DNA.

Digital Design wirkt nur ganzheitlich

Wenn wir Digital Design nur als Interface verstehen, bleibt ein Teil seines Potenzials ungenutzt. Als verbindendes Element kann es dazu beitragen, Mensch, Technologie und Geschäftsmodell zu einem funktionsfähigen Gesamtorganismus zu verknüpfen. Tools greifen ineinander, Prozesse werden anschlussfähiger, Produkte verständlicher und Strukturen transparenter. Es entsteht Orientierung, Kohärenz und Resilienz.

Bestehende Rollen im Unternehmen werden stärker, weil sie gezielt miteinander verbunden werden. Sie entwickeln sich weiter, neue Schnittstellen entstehen und Verantwortlichkeiten werden neu verteilt. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch Rollen verschwinden, vielmehr verändert sich die Art, wie sie zusammenarbeiten. Wer aber gestaltet dieses Zusammenspiel eigentlich?

Warum das Berufsbild entscheidend ist

Digital Designerinnen und Designer arbeiten als Systemgestalter. Sie bewegen sich an den Schnittstellen von Gestaltung, Technologie, Organisation, Strategie und Nutzererfahrung. Ihr Denken ist integrativ, ihr Werkzeug Vernetzung, ihre Aufgabe Übersetzung: Sie können dazu beitragen, komplexe Systeme nutzbarer, abstrakte Technologien verständlicher und wirtschaftliche Modelle erlebbarer zu machen.

In unserer digitalen Wirtschaft sind sie das, was der Hausarzt oder die Hausärztin für den Körper ist. Vergleichbar mit einer Instanz, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt und Wechselwirkungen sichtbar macht. Mit tieferem Verständnis lässt sich genauer erkennen, welche „Behandlung" ein System braucht. Nicht als Ersatz für bestehende Rollen, sondern als mögliche Verbindung zwischen ihnen.

So wie unser Körper auch ohne anatomisches Wissen funktioniert, entwickeln Unternehmen bereits heute erfolgreiche digitale Produkte. Doch wer versteht, wie die Ebenen zusammenwirken, kann Systeme gezielter verbessern, statt nur Symptome zu behandeln. Genau darin liegt die Stärke von Digital Design.

Der „Wirkstoff“ KI

Welche Rolle spielt all das in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz als Antwort auf nahezu jede digitale Frage und Herausforderung gehandelt wird? KI kann ein hochwirksames Werkzeug sein: Sie beschleunigt Prozesse, bereitet Entscheidungen vor, erkennt Muster, analysiert Zusammenhänge und kann bestimmte Gestaltungsschritte teilweise automatisieren oder skalieren.

Doch so leistungsfähig KI auch ist: Sie ersetzt nicht die Gestaltung. Ihre Ergebnisse sind nicht automatisch in einen menschlich, organisatorisch oder wirtschaftlich sinnvollen Zusammenhang eingebettet. Ihr Nutzen hängt wesentlich davon ab, welche Aufgaben sie lösen soll, auf welchen Daten sie basiert und wie sie in bestehende Prozesse, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsstrukturen eingebunden ist.

Die Definition von Zielen, die Abwägung unterschiedlicher Interessen und die Verantwortung für die Auswirkungen bleiben zentrale Aufgaben von Menschen und Organisationen. Das gilt auch für KI-Agenten, die innerhalb vorgegebener Rahmenbedingungen eigenständig nächste Schritte anstoßen, Varianten bewerten und Aufgabenketten bearbeiten können. Wie sinnvoll und verantwortungsvoll sie dabei handeln, hängt davon ab, wie Ziele, Kontext, Grenzen und Feedbackschleifen gestaltet sind.

Genau hier setzt menschliche Gestaltung an: Sie schafft den Rahmen, in dem KI ihre Stärken sinnvoll entfalten kann. Innerhalb dieses Rahmens können KI-Agenten Aufgaben übernehmen, Optionen entwickeln, Prozesse ausführen und Ergebnisse zurückspiegeln. Die Qualität dieses Zusammenspiels entsteht nicht durch die Technologie allein, sondern durch bewusste Gestaltung.

Bleiben wir in der Sprache der Anatomie: KI ist ein Wirkstoff für den Körper. Und wie jeder Wirkstoff entfaltet er seine Kraft nur dann, wenn er in ein funktionierendes System eingebettet ist. Wie stellen wir also sicher, dass der Wirkstoff an der richtigen Stelle landet, in der richtigen Menge und Qualität, zum passenden Zeitpunkt und ausgerichtet am tatsächlichen Bedarf des „Körpers"? Genau hier kann Digital Design einen relevanten Beitrag leisten.

Teamplay: Digital Designer:innen und Agenten

KI- und Coding-Agenten können den Prozess, wie digitale Produkte entstehen, deutlich optimieren. Sie können einzelne Aufgaben oder Prozessschritte übernehmen, die bislang von mehreren Rollen bearbeitet wurden. Dabei geht es weniger um den einfachen Ersatz ganzer Teams als um eine neue Form der Zusammenarbeit. Menschen setzen Ziele, priorisieren und verantworten Entscheidungen, während Agenten operative Schritte vorbereiten oder ausführen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob KI gestalten kann, sondern welche Rolle Digital Designerinnen und Designer künftig in diesem Prozess einnehmen. Gerade weil Agenten leistungsfähiger werden, kann sich das Berufsbild weiterentwickeln. Der Schwerpunkt sollte sich dabei stärker auf die Gestaltung ganzer Systeme verlagern. Digitale Designerinnen und Designer gestalten nicht nur Produkte, sondern zunehmend auch die Bedingungen, unter denen diese entstehen.

KI-Agenten können dabei zu neuen Kooperationspartnern innerhalb eines Teams werden. Sie liefern Entwürfe, generieren Varianten, automatisieren Entwicklungsschritte und unterstützen bei der Vorbereitung von Entscheidungen. Digital Designerinnen und Designer arbeiten nicht gegen sie, sondern mit ihnen. Sie formulieren Aufgaben, bewerten Ergebnisse, setzen Prioritäten und entscheiden gemeinsam mit den jeweils verantwortlichen Fachrollen, welche Lösung im jeweiligen Kontext sinnvoll, verantwortungsvoll und wirtschaftlich tragfähig ist. Gestaltung wird damit zunehmend auch zur Orchestrierung intelligenter Werkzeuge.

Skills wie Systemdenken, Moderation, Priorisierung und Entscheidungsfindung gewinnen an Bedeutung. Digital Designerinnen und Designer gestalten künftig weniger einzelne Artefakte als vielmehr die Zusammenarbeit zwischen Menschen, Agenten und Organisationen. Agenten können vorgegebene Ziele operationalisieren, Teilziele ableiten und innerhalb ihrer definierten Rahmenbedingungen auf Ergebnisse hin optimieren. Welche Ziele verfolgt werden, wie Zielkonflikte bewertet werden und welche Auswirkungen auf Menschen, Unternehmen oder Gesellschaft vertretbar sind, bleibt jedoch menschliche und organisationale Verantwortung. Genau hier liegt die Chance der digitalen Gestaltung: Zusammenhänge sichtbar zu machen und technologischen Möglichkeiten eine klare Richtung zu geben.

Wie dies genau aussehen kann, lässt sich besonders anhand einer Branche veranschaulichen, die Komplexität, Regulierung und digitale Erwartungen wie kaum eine andere vereint: der Versicherungswirtschaft.

Ein Blick auf die Versicherungsbranche

Von der Dunkelverarbeitung im Schadenmanagement über automatisierte Underwriting-Prozesse bis zu hyperpersonalisierten Vertriebskanälen entstehen in der Versicherungswirtschaft mehr und mehr teil- oder vollautomatisierte Prozessketten. KI-Agenten können Vertragsentwürfe erstellen, Schäden priorisieren, Tarife empfehlen, Berater in Echtzeit unterstützen – auch über mehrere Systeme hinweg, auf Basis großer Datenmengen. Der Fokus verschiebt sich damit weg von einzelnen Fach- oder IT-Vorgängen hin zur Gestaltung durchgängiger, vernetzter Versicherungserlebnisse.

In diesem Umfeld können Digital Designerinnen und Designer eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der digitalen Versicherungswelt übernehmen. Sie können dazu beitragen, dass KI-Agenten nicht nur effizient arbeiten, sondern in Prozesse eingebettet sind, die Kundenerwartungen, Regulatorik und Unternehmensziele gleichermaßen berücksichtigen. Ihre zentrale Aufgabe ist die Übersetzung zwischen Fachlichkeit, Regulierung und Technologie: Welche Aufgaben soll ein Agent im Vertrieb, in der Schadenbearbeitung oder im Bestandsmanagement übernehmen? Welche bleiben bewusst beim Menschen, etwa bei komplexer Beratung, Kulanzentscheidungen oder sensiblen Gesundheitsdaten? Entscheidungsräume, in denen Compliance-Vorgaben wie Dokumentationspflichten oder Datenschutz von Anfang an mitgedacht werden, statt nachträglich aufgesetzt zu werden, das ist die eigentliche Gestaltungsleistung.

Wo Agenten Routineaufgaben automatisieren, etwa bei der Vorqualifizierung von Leads oder der Vorprüfung von Schadenmeldungen, entsteht Kapazität für das, was wirklich zählt. Doch wo genau verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Automatisierung und „digitalem Overengineering"? Klare Prinzipien helfen zu entscheiden, wann Geschwindigkeit wichtiger ist als individuelle Betreuung und wo menschliche Nähe unverzichtbar bleibt.

Versicherer tragen eine besondere Verantwortung, weil sie existenzielle Risiken absichern. Entscheidungen über KI-gestützte Tarifierung, Betrugserkennung oder Leistungsprüfung sind deshalb nicht nur technische, sondern gesellschaftliche Fragen. Digital Designerinnen und Designer können Mechanismen für Transparenz entwerfen, Fach- und Compliance-Rollen einbinden, Feedbackschleifen mit Kundinnen und Kunden schaffen sowie fortlaufend evaluieren, wie Agenten im realen Betrieb wirken. So laufen technologische Möglichkeiten, Geschäftsmodelle und Verantwortung nicht auseinander, sondern verstärken sich gegenseitig.

Und Ihre digitalen Anatomiekenntnisse?

Digitale Transformation ohne Digital Design ist wie Hochleistungssport ohne Anatomieverständnis: Wir kommen in Bewegung, wissen aber oft nicht genau, was uns trägt und was uns auf Dauer schadet. Die digitale Transformation ist ein fortlaufender Entwicklungsprozess, in dem technische Möglichkeiten, organisatorische Strukturen und menschliche Bedürfnisse immer wieder aufeinander abgestimmt werden müssen. Digital Design bietet dafür eine Perspektive, indem es nicht nur einzelne Anwendungen betrachtet, sondern auch ihre Zusammenhänge. Dadurch kann sichtbar gemacht werden, wo Strukturen fehlen, Daten unkontrolliert fließen oder Verantwortlichkeiten unklar bleiben.

Wie könnte ein erster Schritt aussehen? Die Chance liegt darin, genau jetzt anzufangen: Schicht für Schicht Klarheit zu gewinnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, den eigenen „digitalen Körper“ so zu gestalten, dass er Menschen überzeugt und Wert schafft. Digital Design kann dafür die „Anatomiekenntnisse" liefern, als ein bewusst gestalteter Entwicklungsweg, der digitales Wachstum erzeugt.

KI-Agenten beschleunigen Entwicklung. Digital Design erleichtert die Steuerung.

Wenn Sie wissen möchten, wie „gesund“ der digitale Organismus Ihres Unternehmens ist, lohnt sich ein kurzer Blick nach innen. Mit unserem Digital Design Quick Check erhalten Sie einen ersten Eindruck, wo es noch Stolpersteine gibt oder verstecktes Potenzial liegt und wo bereits Wert entsteht.


Weiterführender Inhalt
Bild Lina  Kückelhaus

Autorin Lina Kückelhaus

Lina Kückelhaus ist Werkstudentin im Team Digital Design bei der adesso SE. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung und Vermittlung des Berufsbilds Digital Design sowie der Gestaltung im digitalen Raum. Dabei beschäftigt sie sich mit der Verankerung systemischen Entwerfens im Projektalltag und der Frage, wie sich Ganzheitlichkeit sowie der Einsatz neuer Technologien und Prozesse in der Praxis operationalisieren lassen.


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